Was ich so denke 01

An der Bushaltestelle

Ich stehe an der Bushaltestelle, vis-à-vis steigt eine Horde Teenies aus dem Tram aus.  Sie streichen die Haare glatt, ziehen die hochgeschnittenen Jeans noch höher, damit sich ja keine Falte an den eingequetschten Oberschenkeln bildet. – Als ich noch jünger war, war es schon auch wichtig sich rauszuputzen, wenn man am Abend weg ging. Ich habe auch Stunden überlegt, ob dieses Top jetzt wirklich zu dieser Hose passt oder ob ich vielleicht doch ein ganz anderes Outfit anziehen möchte. Beim Schminken verlor ich weniger Zeit. Gesicht eincremen, die Wangen schön matt pudern, schwarze Wimperntusche, rote Lippen. Das wars.

Dünn sein war in. Pushup BHs auch. Es hat sich eine Menge verändert. Pushup BHs sind glaube ich immer noch in. Dünn sein ist nicht mehr angesagt, eher einn wohlgeformter Körper und ein üppiger Arsch, was ich tendenziell gut finde. Leider wird es aber auch wieder ins Extrem getrieben. Man ist nicht mehr nur am Abend, wenn man mit Freunden weggeht gestylt, nein, auch aufwendiges Tagesmakeup ist Standard. Ich habe das Gefühl, dass seit ein paar Jahren das ganze Styling krasser geworden ist. Zwölfjährige, die sich wie Achtzehnjährige anziehen, geschminkt sind wie Zwanzigjährige. Wo bleibt da das Kind unter diesen vielen Schichten von Makeup?

Sich richtig und perfekt präsentieren ist das Wichtigste. Ordinär, laut sprechen, aufmüpfig tun… Ich fühle mich alt, bin aber froh, in einer andern Generation gross geworden zu sein. Ich habe noch mitbekommen, wie es ist, ohne Handy aufzuwachsen, zufrieden draussen zu spielen, mich besser auf Sachen konzentrieren zu können. Allgemein war ich weniger abgelenkt und konnte mehr im Moment leben.

Heute weiss ich, wie es früher war, merke aber, dass ich mich nicht mehr so gut konzentrieren kann und zunehmend Vieles vergesse. Ich bin voll reingerutscht in dieses schnelle, sich ständig ändernde Treiben. Es ist alles so langsam ins Schnelle übergegangen, dass ich es zuerst gar nicht bemerkt habe. Auf nichts ist Verlass, alles ist im Wandel. Nur schwer, mit viel Disziplin, kann ich mir ruhige Momente schaffen. Nach zehn Anläufen, wenn ich schon fast vom Digitalenstrom weggetrieben werde, gelingt es mir, eine halbe Stunde zu meditieren, und ich fühle mich wieder für eine kleine Weile geerdet.

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